Elena Maria Müller

Videojournalistin und Moderatorin

Fördern oder verdammen Religionen Sex?

«Warum sind Religionen sexfeindlich?» Dieser Frage wird sich die Religionswissenschaftlerin Anna-Katharina Höpflinger am Unfrisiert Festival im Kleintheater <widmen. Einen kleinen Happen davon serviert sie uns vorab.

«Religionen sind sexfeindlich.» Ist das vielleicht auch einfach ein Vorurteil?

Aus wissenschaftlicher Sicht bin ich der Meinung, dass «Religion und Sex» ein sehr komplexes Thema ist. Angefangen bei der Definition von Sex. Deshalb lässt sich nicht universell sagen, dass Religionen sexfeindlich seien. Die Frage ist, woher kommt die Idee, Religionen seien (per se) sexfeindlich?

Eine Vorstellung, die weit verbreitet ist.

Ich denke, dass das auf eine eurozentrische Sicht zurückgeht. Teile der christlichen Traditionen sind körperfeindlich. Sie werten den Körper ab zu Gunsten einer Seele. Aber eben längst nicht alle. Hinzu kommt, dass im 19. Jahrhundert enge bürgerliche Moralvorstellungen bezüglich Sex popularisiert wurden. Durch die Aufklärung festigte sich schon davor das Bild der naturgegebenen binären Geschlechter, wobei besonders der weibliche Körper reguliert und Frauen wie Männern die heute noch vielfach präsenten Eigenschaften zugeschrieben wurden. Unser Blick auf Religion und Sex ist also stark von der europäischen Geschichte geprägt.

Menschen machen sehr viel mehr unter der Bettdecke, als nach aussen vertreten wird.

Anna-Katharina Höpflinger

Und dennoch bringen wir Prüderie oft mit Religion in Verbindung. Warum?

Es gibt in jeder Religion konservative und liberale Positionen. Wir fokussieren gerne auf die Konservativen und diese regulieren den Sex oft. Ein Beispiel hierzu ist der voreheliche Sex. Wird dieser erlaubt? Welche Art von Sex? Ist die Regulierung freiwillig, was passiert, wenn man sich nicht an die Regeln hält? All diese Fragen muss man sich stellen. Aber: Menschen machen sehr viel mehr unter der Bettdecke, als nach aussen vertreten wird. Hier stellt sich also die Frage: Wer oder was macht eine Religion aus? Sind es heilige Schriften, sind es religiöse Organisationen oder sind es die Menschen, die glauben und handeln? Interessanterweise sind konservative Positionen verschiedener Religionen manchmal näher beieinander als die konservativen und die liberalen Ansichten derselben Religion.

Können Sie uns ein Beispiel geben, das die These der Sexfeindlichkeit stützt?

Ja, ein sehr persönliches. Ich bin nicht verheiratet und habe Kinder. Ein Bekannter von mir – wir mögen uns gut – meinte, dass er für mich bete, dass ich mein «schändliches» Leben aufgebe. Ihn störte es, dass ich (offensichtlich) ausserehelichen Sex habe. Diese Vorstellung hat eine Tradition in Europa: nämlich die der sogenannten «gefallenen Mädchen», also Frauen, die aussereheliche Kinder hatten. Sie wurden je nach Zeit und Ort totgeschwiegen, geächtet oder sogar – wie in den sogenannten Magdalene Laundries in Irland – eingesperrt. In Letzteren wurden die Frauen zu Zwangsarbeit verurteilt.

Und ein Beispiel, das dagegenspricht?

Das, was wir Esoterik oder New Age nennen, ist eine der grossen Religionen in Europa, und das geht oft vergessen. Alle kennen ihr Sternzeichen, lesen gelegentlich ihr Horoskop, und da wird Sex oft positiv dargestellt. Es gibt Kurse zur Entdeckung der weiblichen Sexualität, Meditationen oder auch die westliche Interpretation des Tantrismus, der sexuelle Kraft nutzt, um religiöse Erfüllung zu finden.

Worauf dürfen sich Hörer*innen Ihres Referats freuen?

Fördern, verdammen oder regulieren Religionen die Sexualität? Diese Kategorien werde ich unterscheiden und komme am Schluss darauf, warum Sexualität meiner Meinung nach so wichtig für Religion ist. Die Zu-hörenden dürfen ausserdem auf viele – hoffentlich auch überraschende – Beispiele gespannt sein.

Anna-Katharina Höpflinger ist Religionswissenschaftlerin und lehrt in Luzern und München. Ihre Forschungsschwer- punkte liegen unter anderem auf Religion und Gender sowie Kleidung und Religion. Soeben ist die zweite Auflage des «Handbuchs Gender und Religion» bei Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen erschienen.

(Bilde: Yves Müller)

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